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Einzelhandel 2021 – ein Jahr der Entscheidungen

Wer kennt nicht den Spruch „kauft lokal und unterstützt den Einzelhandel“? Aber reicht diese Parole von Politik, Einzelhändler, Wirtschaftsförderungen etc.?

Kaum eine andere Branche ist so hart von den Auswirkungen der Corona Krise betroffen wie der Einzelhandel. Trends in den letzten Jahren haben sich nun verstärkt und die Leerstände in den einzelnen Städten dürften sich rasant erhöhen. Mit Hochdruck arbeiten diverse Institutionen an Lösungen und Konzepten, aber irgendwie scheint keines so richtig zu funktionieren.

Betrachten wir das Thema Digitalisierung. Zu Beginn der Pandemie im März 2020 ging ein Ruck durch den Einzelhandel und viele haben ihr Geschäftsmodell auf E-Commerce umgestellt. Städteportale sind entstanden und alles schrie nach der Digitalisierung. Was ist aber übriggeblieben?

Die meisten Portale dümpeln vor sich hin; der Einzelhandel hat seine Online Aktivitäten nicht ausgebaut, sondern wieder auf das offline Geschäft gesetzt. Nun, beim zweiten Lock-Down, werden wieder alle digital. E-Commerce funktioniert leider so nicht und Aktionismus hat noch keinem Geschäft genützt.

Auch die Politik kämpft um Lösungen und positioniert sich, wie u.a. Armin Laschet – Ministerpräsident Nordrhein-Westfalen, stark für den Einzelhandel. Ein öffentliches Statement ist schön, jedoch wird es niemanden dazu bewegen, sein Verhaltensmuster als Konsument zu ändern.

Einige Bundesländer haben nun ein Förderprogramm aufgelegt, bei denen die Existenzgründung im Einzelhandel mit einem Mietzuschuss gefördert wird. Was ist aber mit den Bestandsunternehmen? Was nützt die Reduktion der Betriebsmittel, wenn eine Gründung aufgrund von Finanzierungsproblemen nicht zustande kommt? Die Miete / Pacht macht im Einzelhandel einen Anteil von knapp 4,60% an den Gesamtkosten aus (Durchschnitt, gemäß Statista). Entscheidet diese Förderung über Erfolg oder Misserfolg? Wohl kaum, so dass wir hier von einem kleinen Geschenk reden können, aber mit Sicherheit nicht von einer Lösung. Es ist maximal eine kleine Annäherung an den E-Commerce, denn in vielen Regionen werden Investitionen für überregionale Unternehmen (sprich z.B. E-Commerce) mit bis zu 30% der Gesamtinvestitionen gefördert (nicht rückzahlbarer Zuschuss)

Die lokale Politik ist ebenfalls aktiv und beauftragt kräftig Gutachten, bei denen in der Regel hinauskommt, dass die Aufenthaltsqualität erhöht werden muss. In der Folge werden Maßnahmen wie Fassadensanierungen durch die Immobilienbesitzer, Begrünung der Innenstadt … angestrebt.

Alle Maßnahmen sind absolut richtig, aber es wird niemals die Lösung des Problems sein.

Was ist die Lösung des Problems? Mangelnde Aktivität kann es nicht sein, denn die oben beschriebenen Maßnahmen sind nicht ohne.

Aus den Erfahrungen unserer Beratungsleistungen können wir sagen, dass diese Maßnahmen nicht ausreichend sein werden. Alle Player müssen sich verdeutlichen, dass Marktplätze wie Amazon zu mächtig sind, um allein dagegen anzukämpfen. Folglich muss der Einzelhandel mit Hilfe der Politik und lokalen Wirtschaftsförderung einen Mehrwert liefern, den die Marktplätze nicht haben.

Nicht selten schreiben wir Wirtschaftsförderungen an, zwecks Einholens von Daten und somit zur Vorbereitung von möglichen Investitionen in deren Städten. Die Unterschiede sind enorm, nahezu jede zweite Wirtschaftsförderung antwortet nicht auf unsere Anfrage. Ebenso sind viele Wirtschaftsförderungen nicht in der Lage, Daten zum Kaufverhalten, Besucherströme etc. in der eigenen Stadt zu liefern. Die Frage, auf welcher Basis die Wirtschaftsförderungen agieren, darf berechtigterweise gestellt werden.

Einzelhändler sind nicht in der Lage, Studien in Auftrag zu geben und / oder Personen zu beauftragen, die eine Umfrage starten und anschließend auswerten. Diese Umfragen sollten zudem auch offline erfolgen, denn einige Personen, die sich gegen den Einzelhandel entschieden haben, werden in den Städten kaum noch erreicht. Eine Stadt / Wirtschaftsförderung hat die Möglichkeiten, derartige Umfragen zu starten. Ausreden wie Personalmangel darf es in diesem Bereich nicht geben, denn wer das Problem nicht kennt, kann es nicht ändern. Mit Hilfe dieser Daten muss die Wirtschaftsförderung auf die Einzelhändler zugehen und mögliche Maßnahmen kommunizieren.

Der Onlinehandel benötigt zwingend Sichtbarkeit, denn ohne Sichtbarkeit keine Klicks und folglich kein Umsatz. Amazon & Co. geben daher hohe Summen für das Marketing im Netz aus und bauen damit die Marktposition weiterhin aus.

Eine Stadt / Wirtschaftsförderung hat auch eine relevante lokale Präsenz, die in vielen Fällen nicht genutzt wird. Warum gibt es unter der Domain der jeweiligen Stadt keine Branchenbücher mit Kurzvorstellung der Unternehmung? Es wäre eine kleine Maßnahme, die sowohl dem Suchenden als auch dem Unternehmen helfen kann. Google wird eine solche Maßnahme durchaus positiv bewerten (Stichwort backlinks). Ebenso können die Social Media Kanäle der jeweiligen Stadt genutzt werden, um Einzelhändler in der Stadt vorzustellen. Hierbei sollte nicht der Fokus auf die Bekanntheit gelegt werden, sondern auf die „Problemviertel“ innerhalb der Stadt. Was nützt es der Stadt, wenn eine gut laufende Handelskette beworben wird. Es sind die Einzelhändler zu bewerben, die aktiv sind und von der Öffentlichkeit noch nicht so wahrgenommen werden. Wichtig ist hierbei die klare Definition, was ein Einzelhändler machen muss, damit er in den Genuss kommen kann.

Die Wirtschaftsförderung darf auch aktiv auf die Einzelhändler zugehen und gerade jetzt über die Fördermöglichkeiten für die Digitalisierung aufklären.

Aber auch die Einzelhändler sind in der Pflicht und müssen das Geschäftsmodell auch anpassen wollen. Der Einzelhandel lebt von dem persönlichen Kontakt und wenn dieses nicht funktioniert, dann wird es mit dem tollsten Produkt schwierig. Basics wie Freundlichkeit und Sauberkeit haben nichts mit Geld zu tun, sondern mit einer Grundeinstellung, die sich jeder erlauben kann. Auch den Umgang mit schwierigen Kunden und das Verkaufen kann man lernen, zur Not auch per Literatur oder Videos im Netz.

Einen erheblichen Vorteil im stationären Einzelhandel sehen wir jedoch im Bereich der Verfügbarkeit und bei Reklamationen. Kunden aus der Stadt, die das Onlinebestellen bevorzugen, kann man sogar mit Lieferung am selben Tag locken. Apotheken bekommen das problemlos hin, Büchereien ziehen nach, aber dann wird es ruhig. Warum nutzen die Einzelhändler nicht diese Infrastruktur vom „Nachbarn“ mit? Jeder Unternehmer freut sich doch über Zusatzgeschäft zwecks Kostendeckung.

Warum wird die Stadt nicht aktiv, schafft Lastenräder an und bietet eine Infrastruktur für den lokalen Einzelhandel? Ein einzelnes Geschäft wird sich die Ressourcen nicht allein vorhalten können. Derartige Aufgaben sind auch bestens für Maßnahmen geeignet, langzeitarbeitslose Personen wieder in den Berufsalltag zu integrieren. Insbesondere in der Weihnachtszeit, bei denen die Logistikunternehmen nicht mehr nachkommen, kann das ein erheblicher Vorteil sein.

Auch beim Reklamationsmanagement haben die Einzelhändler einen Vorteil, denn Online kann das Problem ziemlich schnell nerven. Nicht selten beanspruchen Reklamationen mehrere Tage / Wochen im Onlinehandel. Leider hat es der stationäre Handel nicht geschafft, diesen Punkt für sich zu entscheiden und verweist nicht selten auf eine Herstellergarantie. Wer kennt nicht den Spruch „müssen wir einschicken“. Der Einzelhandel muss lernen, derartige Reklamationen so zu bearbeiten, dass der Kunde zufrieden aus dem Laden geht. Um dieses zu erreichen bedarf es passende Rhetorikinstrumente, aber auch ein Produkt / Hersteller, der den Einzelhandel dahingehend unterstützt. Einzelhändler benötigen Entscheidungsfreiheiten und nicht die ständige „Angst“ auf der Reklamation sitzen zu bleiben. Die Lieferantenbewertung ist nicht nur etwas für große Konzerne, sondern insbesondere der Einzelhandel hat die Chancen und Risiken eines Lieferanten ebenfalls zu bewerten.

Der Einzelhandel muss verstehen, dass es nicht stationärer Handel oder Onlineshop heißt, sondern stationärer Handel mit Onlineshop inkl. Online Marketing (dauerhaft). Ebenso können Einzelhändler kooperieren und somit Ressourcen teilen zwecks Generierung von Wettbewerbsvorteilen. Produktbundle kann auch eine Option sein, die eine Zusammenarbeit mit anderen Einzelhändlern fördert.

Einige Einzelhändler nutzen bereits diese Maßnahmen, jedoch werden die mit dem Verschwinden des Nachbars ebenfalls vor größeren Aufgaben stehen.

Die Politik / Stadt ist somit in der Pflicht, Maßnahmen zu ergreifen, die den Einzelhandel fördert. Statt punktueller finanzieller Förderung, sollte vielmehr in die Sichtbarkeit und die Bildung der Unternehmer investiert werden. Werbegemeinschaften und / oder einzelne Einzelhändler können die Koordination nicht übernehmen, dieses muss von der Stadt erfolgen. Nur wenn die Stadt als Koordinator auftritt, wird der Einzelhandel zumindest in ähnlicher Form fortbestehen. Arbeiten alle Parteien (Einzelhändler, Stadt, Politik) nicht zusammen, dann wird es den Einzelhandel so nicht mehr geben und die aktuellen Fördermöglichkeiten dienen nur noch der Verzögerung.

Aufgabe der Stadt / Wirtschaftsförderung

  • Erhöhung der Sichtbarkeit (online) des lokalen Einzelhandels
  • Erhebung von Daten zwecks Einleitung geeigneter Maßnahmen / Entscheidungen
  • Informationsdienst für Förderungen, Trends in der Stadt (siehe Datenerhebung) …
  • Koordination eines Netzwerks / Vermittlung von Ressourcenteilung

Aufgabe des Einzelhandels

  • Stationären Handel mit Onlinehandel kombinieren
  • Erhöhung der Onlinepräsenz
  • Nutzen der Wettbewerbsvorteile gegenüber dem Onlinehandel (Stichwort: Beratung und Reklamation)
  • Aktives Lieferantenmanagement (übrigens: manche Marken liefern nur an den stationären Einzelhandel und nicht an reine Onlineshops aus)
  • Eingehen von Ressourcen
  • Kreative Lösungsansätze zwecks Vorteile des Onlineshops zu kompensieren

Aufgabe der Politik

  • Förderung der Wirtschaftsförderungen
  • Finanzierungsmöglichkeiten / Förderzuschüsse für etablierte Unternehmen; Bsp. erhöhten Zuschuss im Bereich Digitalisierung für den Einzelhandel
  • Kommunikation über best practise Fälle aus anderen Städten

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